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Lunner Seenplatte

Ein Tourentipp von Günter Dollhäubl

Vor 60 Jahren, an meinem ersten Schultag, hat mich meine Mutter in meine Klasse gebracht und dort auf einen Sessel gesetzt. Eine andere Mutter tat dies auch mit ihrem Sohn und so bekam ich meinen ersten Banknachbarn – Hermann. Bald waren wir Freunde. Diese Freundschaft begleitete uns durch die gesamte Jugendzeit und mit ein paar Unterbrechungen durch unser ganzes Leben.

Gemein haben wir vor allem unsere Liebe zur Natur und unseren überdimensionalen Hang zu Abenteuern. Mit 17 verdienten wir unser erstes Geld und im August kauften wir uns eine Interrail Karte und bereisten mit dem Zug Europa. Aber nicht so wie 10.000 andere Jugendliche dieser Zeit, zu den Hot Spots wie die Cote d‘Azur, Spanien, Italien, oder Griechenland. Nein, uns zog es nach Skandinavien, genau gesagt ins tiefste Norwegen, dort wo die letzten Bahngleise endeten. Die mythischen Geschichten der nordischen Sagenwelt und die schier endlose Natur waren die Auslöser für unser Tun. Dort, nördlich des Polarkreises schlugen wir uns durch die Wildnis. Mit Rucksack und Angel…

Unsere gemeinsame Leidenschaft hörte nie auf und heuer ging es wieder einmal in unser geliebtes Norwegen. Unter anderem auf die Hütte am Fjell, in der Nähe von Gran, in der Provinz Gjövik, Lunner Kommune. Ein Fjell ist eine Hochebene, die während der Eiszeit abgeschliffen wurde und viele Seen und Lacken hinterlassen hat. Unser Fjell ist im Schnitt 700m hoch und liegt, wie gesagt, im Lunner Bezirk. Auf der Karte ist es leicht zu finden. Man sieht auf der Karte nördlich von Oslo zwei riesige Seen. Der Randsfjorden im Westen und der Mjösa im Osten. Genau dazwischen ist das Fjell. Dort verbrachten wir zwei Wochen mit paddeln und fischen. Jeden Tag ein anderer See. Für mich als Paddler ein echtes Erlebnis, wie ich es immer wieder gerne mache. Auf der Hütte wartete mein erstes eigenes Kanu auf mich. Ein Lettmann 465, den ich in den 90ern gekauft hatte. Er ist zwar sehr schwer, aber durch seine Robustheit ideal für dieses Gelände. Die folgenden Zeilen beschreiben die Seen, welche wir in diesen zwei Wochen bepaddelt haben. Hier ist die Karte der Gegend mit den Nummern der beschriebenen Seen:

Übersicht Lunner Seenplatte - Kartendaten © 2025 Google

Stationiert sind wir in unserem Cottage am Randsjoen (1). Ein kleinerer See mit einer Ausdehnung von ca. 1000 x 800 m. Diesen See habe ich schon viele Male befahren; er ist so zu sagen unser „Haussee“. Ein sehr flacher Moorsee; Relikt aus der Eiszeit, so wie alle 100.000 Seen in Norwegen, eingebettet zwischen den bewaldeten Hügel der Umgebung. Diverse Wasservögel wie Enten, Kanadagänse, Haubentaucher, Fischreiher und sogar ein Fischadler tummeln sich hier. Der See wird kaum von Fischern besucht, aber ist voller Forellen und Barsche. Gleich beim ersten Angelversuch haben wir 6 Forellen gefangen. In gut einer Stunde lässt sich dieser See im Kanu umrunden. Besonders schön ist der Weg durch das Schilf zur Mündung des speisenden Baches. In einem Satz zusammengefasst: Genusspaddeln in lieblicher Umgebung.

Der Svera See (2) ist etwas höher gelegen. Er speist unseren Randsjoen. Dieser See ist tiefer, vollkommen unverbaut und hat eine kleine Zufahrt mit einem idyllischen Bade- und Rastplatz. Das Boot kann sehr leicht eingesetzt werden. Dieser ovalförmige See hat etwas steilere Ufer, aber man kann auch hier an mehreren Stellen ganz gut anlanden. Durch seine Ausrichtung kann es jedoch bei Nordwind doch etwas mühsam werden. Biberburgen und viel Wald an den Ufern krönen dieses Naturjuwel.

Folgt man der Straße am Fjell weiter im Uhrzeigersinn kommt man als nächstes zum Malsjoen (3). Ein doch etwas größerer See (ca. 1,5 km lang und 600 m breit) mit ein paar Hütten am Ufer, zu denen Stichstraßen führen. Unter der Woche und außerhalb der Urlaubszeit wirken sie einsam und verlassen. Aber die Zufahrtswege erlauben ein einfaches Einsetzen des Bootes. Dabei hilft natürlich auch das „Jedermannsrecht“, welches erlaubt, Privatgrundstücke zu Fuß zu betreten, solange man nichts verändert, nichts hinterlässt, oder gar zerstört. Dieser See ist in einer eher flachen, stark bewaldeten Umgebung. Mehrere Bäche bewässern diesen See. Zentral liegt eine Insel, zu der auch ein schmaler Weg führt und die daher mit dem Land verbunden ist. Der See ist groß genug um den ganzen Tag von Bucht zu Bucht zu paddeln und die wunderschöne Landschaft zu genießen. Auch hier ist es wert die Angel auszuwerfen und fürs Abendessen ein paar schöne Bachforellen zu fangen.

Ein weiterer See, etwas weiter im Osten, den wir besucht haben, ist der Ognilla (4). Der Zufahrtsweg ist zwar miserabel, aber der Parkplatz ein Traum. Der lichte Kiefernwald gibt einen herrlichen Blick auf diesen See frei. Es gibt hier einen größeren Lagerplatz und es stehen sogar Holzsessel und Tische am Strand. Ja, hier ist ein echter Kiesstrand und das Einsetzen des Bootes ist hier völlig problemlos. Das Wetter ist heute traumhaft schön mit einer Brise aus dem Süden. Wir paddeln die Buchten am Ostufer aus und fischen ein wenig. Erfolgreich sind wir erst an den seichten Südbuchten, dort wo der Abfluss des Sees ist. Forellen und Barsche hängen an den Hacken. Genug für ein nettes Abendessen. Hier im Süden gibt es auch ein paar kleine pittoreske Inseln. Ideale Fotomotive. Nur aufpassen, sollte man schon. Zwischen den Inseln ist das Wasser von Steinen überseht und man muss sich vor allem auf die Felsen, die knapp unter der Wasseroberfläche sind, sehr in Acht nehmen, um Karambolagen zu vermeiden. In den See will hier niemand fallen. Ich schätzte die Temperatur zur Zeit auf ca. 14 Grad. Mittags paddelten wir zurück und bekamen von einer norwegischen Familie Besuch, die hier einen Nachmittag verbringen wollen. Eine junge Frau, offensichtlich die Tochter des Paares ging dort sogar schwimmen. Ja, die Nachfahren der furchtlosen Wikinger haben eine andere Einstellung zu Temperaturen, als wir verweichlichten Mitteleuropäer. Nach unserer Mittagspause mit einer kräftigen Jause und kühlem Bier stechen wir wieder in See und erforschen auch das rechte Ufer des Sees, welches etwas steiler abfällt. Ergebnis: Dieser einsame See ist wirklich nett, gefahrlos zu paddeln und liegt wunderbar eingebettet in riesigen Wäldern.

Der Vassbraa (5) ist der größte See auf dieser Hochfläche. Er hat eine Ost-West Ausdehnung von 3,5 km und ist max. 1500m breit. Er hat eher steinige Ufer und weniger Schilf und Sumpf. Im südlichen Teil befindet sich eine kleine bewaldete Insel, die gut zur Orientierung dient. Der Einstieg befindet sich hier direkt neben der Straße im Hüttendorf Sagvollen. Dieses Dorf ist in den letzten Jahren stark gewachsen und besteht nun aus ca. 50 niedlichen, roten Ferienhäusern. Dort gibt es auch einen öffentlichen Brunnen mit Trinkwasser. Dieser See ist tief und ideal zum Paddeln. Weniger gut zum Fischen, da er nicht sehr nährreich ist. Ganz im Osten ist er mit Felsen versehen, die sich zumeist unter der Wasseroberfläche befinden. Also aufpassen damit man keinen rammt. Wie alle Seen auf dieser Hochebene ist das Wasser klar, aber durch die Moore braun gefärbt und man sieht dank der Spiegelungen schlecht auf den Grund und kann so Hindernisse erst sehr spät erkennen. Nach mehreren Stunden auf dem See und einem Picknick in einer unverbauten Bucht, kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Hier haben eine Gruppe Pfadfinder ihre Zelte aufgeschlagen und während wir gemütlich ein abschließendes Bier trinken, beobachten wir das emsige Treiben der Jugendlichen. Unsere Theorie, dass die Norweger in großer Mehrheit „Outdoor Menschen“ sind, wird wieder einmal bestätigt. Ihr findet einen alten Tourenbericht zu diesem See unter Tourenbereicht Waasbra.

Der Steinsjoen (6) ist ein kleiner Binnensee ohne Zufluss. Er liegt unterhalb des Durchzugsweges und ist nicht leicht mit dem Boot zu erreichen. Eigentlich geht es nur über die ihm Osten gelegene Zufahrtsstraße zu der einzigen Hütte am See. Der See selbst ist nicht sehr groß, aber vermittelt dank der Berge rundherum einen sehr friedlichen Eindruck und man ist mit ziemlicher Sicherheit die einzige Person am See. Obwohl recht klein, vermittelt der Steinsjoen ein Kanada Feeling.

Der Grunntjernet (7) ist jener kleine See, der vom Randsjoen gespeist wird. Man kann den Bach entlang gehen und erreicht den See an einer eher sumpfigen Stelle, oder man nimmt die neue Forststraße und kommt so zu einem schönen Picknickplatz direkt am See. Hier kann man schwimmen gehen und das Kanu sehr einfach am flach abfallenden Kiesstrand einsetzen. Heute ist ein warmer Sonnentag und wir paddeln den See hinunter. Der Süden ist sehr verschilft. Wir finden den Bach, der diesen See entwässert und paddeln in den stark mäandernden Abfluss. Im Schilf sitzen verschiedene Vögel, nach einer Kehre taucht eine frische Biberburg auf. Viele der Birken am Bachufer sind von den Nagern gefällt worden. Als es zu eng wird, drehen wir um und paddeln weiter das Ufer ab. Auch unser Anglerglück versuchen wir hier im seichten Wasser. Die Barsche wollen heute beißen. Wir schenken ihnen Leben und Freiheit. Jeden Tag Fische essen wird dann doch zu viel. Als der Wind dann an Stärke zunimmt landen wir an, legen uns in die sonnige Wiese und warten erst einmal ab. Einige Schafe mit ihren Lämmern kommen vorbei und betteln um Salz. Leider vergeblich. 2 Biere später entschließen wir uns, es für heute gut sein zu lassen.

Last, but not least möchte ich noch den Vaaja See (8) vorstellen. Er ist eigentlich kein See, sondern im Verbund mit anderen Seen eine Seenplatte. Hier kann man getrost eine Woche herum paddeln ohne dass einem fad wird. Der Vaja ist der tiefst gelegene See auf diesem Fjell und ich habe ihn schon vor Jahren öfters befahren und dokumentiert. Siehe Tourentipp VaajaGroa.

Wir haben hier auch diesmal einen ganzen Tag verbracht, gepaddelt, gefischt, gepicknickt und trotz durchwachsenem Wetter war es wieder echt toll. Auch wenn die neu angelegte Durchfahrtsstraße nun doch mehr Besucher anlockt, wie man aus mehreren angeketteten Booten und Kanus feststellen konnte. Aber auch hier waren wir die einzigen Leute am See. Erst später trafen wir auf zwei Norweger im Wohnmobil, die hier ein paar Tage ausspannen und fischen wollten. Wir haben eine Weile geplaudert, bis sich unsere Wege wieder trennten. Obwohl dieser See der fischreichste der Gegend sein soll, war dies der einzige Tag an dem wir leer ausgingen. Aber dafür haben wir eine große Strecke im Kanu zurückgelegt, haben uns auch nicht aus der Ruhe bringen lassen, als der Wind auffrischte und die Wellen etwas größer wurden und ein kurzer Sprühregen einsetzte. Doch unter dem gekippten Boot war es trocken und ein schnell entfachtes Lagerfeuer gab genug Wärme ab, um schnell zu trocknen und dann unseren Weg fortzusetzen. Und übrigens, 2007 machte ich hier schon einmal einen Kurzurlaub mit meinem Sohn. Ein Tourenbericht davon gibt es unter Regen am Vajajöen.

Fotos: Günter Dollhäubl