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Leben wie die Indianer und Waldläufer

Kurzgeschichte von GuenterDollhaeubl

Wir haben uns nun tief in die Adirondacks zurückgezogen. In seinem Zentrum gibt es viele kleinere bis mittelgroße Seen. Unterschiedlich zu den Finger Lakes ist hier die Landschaft noch sehr ursprünglich. Keine Uferverbauten, keine Marinas, und überall Urwald der sich tief über die Ufer beugt. Ein tolles und zu dieser Jahreszeit auch einsames Erlebnis. Seit zwei Stunden paddeln wir bereits in einem Aluminium Osagian den Blue Mountain Lake in Richtung Westen. Niemand ist auf dem See, obwohl das Wetter recht gut ist, und dieser See sehr leicht erreichbar ist. Eine frische Brise aus dem Osten schiebt uns sogar etwas schneller weiter. Wir fahren in der Nähe des Südufers und bekommen immer wieder Einblicke in diverse Buchten. Der Uferwald ist undurchdringlich und unser Sichtfeld ist auf den See begrenzt. Wir hören nur hin und wieder die Geräusche von Fahrzeugen, die beweisen, dass da irgendwo hinter den Bäumen die „28er“ verläuft, die den Park von West nach Ost durchläuft. Ich schau ins Wasser. Hier ist es nicht sehr tief. Vielleicht zwei Meter. Ich kann Felsen und alte, verrottete Stämme am Grund erkennen. Der Wellengang verzerrt aber den Blickwinkel. Darum passen wir auch genau auf, dass nicht irgendwo ein Felsen nahe an der Wasseroberfläche lauert, wir darauf aufsitzen, und uns dann vielleicht eine Welle zum Kentern bringt. Als wir dann in eine ruhigere Bucht paddeln, und die Wellen entsprechend niedriger werden, entdecke ich am Grund einige Stämme, die knapp unter der Wasseroberfläche enden. Hier war einmal Wald. Wie aber konnte der Wasserspiegel um gut ein bis zwei Meter steigen? Ein Damm? Da fällt mir auf, dass die Pfähle genau in einer Reihe stehen. Aber da es keine angelegten Wälder in dieser Gegend gibt, sehe ich mir die Hölzer genauer an. Ich stelle fest, dass sie keine Wurzeln haben, also künstlich in den Seeboden eingelassen wurden. Hier war also einmal eine Plattform oder ein Steg. Komischerweise ist aber kein Zugang im üppigen Wald zu sehen. Ein paar Meter weiter sehen wir wieder einige Pfeiler zu unserer linken Hand. Obwohl schon ziemlich vermodert, erkennen wir etliche von ihnen. Wir paddeln vorsichtig herum, und kommen zur Überzeugung, dass hier einmal eine auf Pfählen gebaute Ansiedlung gewesen sein musste. Da keine Zufahrt zu erkennen ist, kann es sich nur um indianische Bauten handeln. Eine Ansiedlung, die schon vor langer, langer Zeit wieder aufgegeben wurde. Aber warum gerade auf dem Wasser? Nahe am Ufer wo es im Sommer von Moskitos nur so wimmelte? Falls es nicht nur Bootshäuser waren, sondern auch Wohnbauten, kann es nur aus Sicherheitsgründen gewesen sein. Aber wer waren hier die Feinde? Wilde Tiere wohl kaum. Schwarzbär, Luchs und Coyote sind hier die gefährlichsten Tiere neben den Moskitos. Also können es nur Menschen gewesen sein. Andere Indianer? Vielleicht. Entweder waren es indianische Bauten, oder von den ersten Siedlern. Da erinnere ich mich wieder an Lederstrumpf. Hat der Waldläufer nicht auch Bekannte besucht, die auf einem Pfahlbau zu Hause gewesen sind? Hat es so etwas wirklich gegeben?

Wir paddeln weiter und erreichen das West-Ende des Sees. Eine Art Lichtung mit festgetretenem Uferstreifen gibt sich als Portageplatz zu erkennen. Wir landen an und steigen aus. Der Fußpfad ist leicht zu erkennen. Wir ziehen das Boot raus und nehmen unseren wasserdichten Sack heraus. Mehr haben wir nicht mit. Um Zeit zu sparen erkundigen wir die Portage nicht. Trude hebt das Kanu an; ich klettere darunter und klemme meinen Nacken zwischen das Joch. Dann streck ich die Knie durch und hebe das Boot hinten an, indem ich es vorne runter ziehe. Es liegt recht ausgeglichen, wenn auch etwas schwer, auf meinen Schultern. Wir gehen los. Von der Karte weiss ich dass unser Ziel, der Eagle Lake höchstens zwei- bis dreihundert Meter entfernt ist. Auf dem ausgetretenen Pfad sollte es kein Problem sein das Boot zu portieren. Außerdem könnte ich ja jederzeit eine Pause einlegen. Weit gefehlt. Aus Erfahrung sollte ich eigentlich wissen, dass man eine Portage immer erst abgehen sollte, bevor man sich mit dem Boot auf den Weg macht. Der kleine Hügel zwischen den beiden Seen war kaum das Problem. Jedoch hatten die Regenfälle der vergangenen Tage den Waldboden ziemlich aufgeweicht. Die Mitte des Weges war auf Grund der häufigen Begehungen ein Lehmstreifen. Teilweise große Lacken, oder seifiger Lehm. Normalerweise kein Problem. Aber mit dem 5 Meter Kanu auf den Schultern kann man nicht ausweichen, sondern muss den Weg der vorgegeben ist nehmen. Ich versuch neben dem Sumpfstreifen zu gehen. Nachdem ich mindestens 6 bis 7 Mal gegen Bäume gestoßen bin, entscheide ich mich doch für den Sumpfpfad. Dank der Kampfschlapfen ja kein Problem, obwohl wie ich bald darauf bemerke, Gummistiefel die bessere Option gewesen wären. Der unsichere Schritt in den undurchsichtigen Pfützen wird dann am Abwärtsweg von sehr glatten Stellen abgelöst. Mehrmals rutsche ich, komme aber zum Glück nicht zu Sturz. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie ein solcher ausgehen könnte, wenn man die Hände nicht vom Boot nehmen kann. Der Schweiß steht mir im Gesicht, und dies ist nicht nur die Anstrengung die das fast 40 Kilo schwere Boot auf meinen Schultern verursacht, sondern auch die Angst vor einen möglichen Sturz. Endlich erreichen wir eine kleine Lichtung am Ufer des Eagle Lake. Keuchend setze ich das Kanu ab. Gott sei Dank halten sich die Moskitoschwärme in Grenzen, die magisch von Menschenschweiß angezogen werden. Ich drehe das Boot wieder um, und schiebe es ins seichte, etwa knietiefe Wasser. Wir packen Sack und Paddel wieder ins Boot und versuchen schnell weiter in den See hinein zu fahren. Dann in der Brise, die die Moskitos vertreibt machen wir eine Pause und ich erholte mich von der Anstrengung. Als ich an meinen Beinen hinunter sehe, um sie eventuell noch zu reinigen, finde ich drei neue Freunde, die mit auf unsere Reise wollen. Irgendwo im feuchten Terrain der Portage haben sich drei Blutegel an meinen Beinen festgesaugt. Einzeln entfernte ich sie wieder von ihrem Saugplatz. Ganz vorsichtig. Es ist nicht sehr angenehm, aber es ist ein Teil des Lebens in dieser ursprünglichen Landschaft.

-- GuenterDollhaeubl, 1.2008